Die Dusche muss heute Morgen leider entfallen, da kein Wasser mehr vorhanden. Ich bringe ein paar Karten zur Post und hole die Fotos vom Laden nebenan ab. Ich bin gerade dabei die Berichte zu schreiben, da kündigt Feras mir „the guy who speaks German“ an. Auf der Straße wartet Bassam, der deutschsprachige Reiseführer, der uns bereits Beirut zeigte.
Das eigentliche Ziel des heutigen Ausflugs ist die syrische Grenze. Da Bassam Reiseleiter ist und geschäftliche Beziehungen zu Syrien pflegt, muss er sehr oft über die Grenze. Dafür kriegt er ein Prüfheft, in dem die Grenzsoldaten haken machen, wenn er die Grenze überquert. Jedes Heft gilt 120 Tage, er benutzt sein aktuelles bereits seit 200 Tagen. Für jeden Tag muss er eigentlich 20 Dollar Strafe an die Syrer zahlen. Dieses Heft lässt sich jedenfalls nur an der Grenze erhalten. Also fahren wir 120 km hin und 120 zurück, nur um sein Heft zu verlängern. Wenn Bassam das Heft nicht mit sich führt, kann es sein, dass die Syrer ihn für zwei Tage gefangen nehmen – soviel zur syrischen Bürokratie.
Zunächst fahren wir nördlich aus Beirut heraus, halten zwischendurch kurz an und fahren dann bis zur Grenze. Die Strecke ist teils sehr pittoresk, teils sehr schäbig, doch insgesamt nicht sehr spektakulär – bis wir uns der Grenze nähern. Ab 10 km vor der Grenze, nach dem letzten Dorf vor der Grenze, mutet die Landschaft wie Niemandsland an. Hier möchte keiner wohnen, weil hier „Zigeuner“ und Beduinen leben, welche die zivilisierten Menschen beklauen. Sie hausen in Holzhütten am Straßenrand und leben vom Schrotthandel. So pulen sie beispielsweise Siele aus der Straße, wo ohne weiteres Menschen hineinfallen können, um diese zu veräußern. Vor der Grenze ist noch eine große Salzproduktionsanlage, weiter nichts. Bei der Grenze angelangt sehen wir noch die alten Geheimdienst- und Überwachungsanlagen, ohne ein Visum dürfen wir hier nicht weiter. Die Grenze ist noch heruntergekommener als die ehemaligen DDR- Grenzposten. Bassam redet mit dem libanesischen Grenzwärter, welcher ihm bedeutet, er müsse zum syrischen Grenzposten, um dort die Papiere zu holen. Nach 15.000 Lira Schmiergeld erledigt der libanesische Posten für Bassam die Formalitäten, wir fahren wieder zurück…
Auf dem Rückweg nehmen wir die alte Küstenstraße und halten ab und zu bei schönen Aussichtspunkten an. Wir fahren zum Vorort Tripolis, Al-Mina, und schauen uns das Meer an. Anschließend geht es weiter zu ein paar christlichen Badeorten, in der nähe von Palm Beach, wo wir an einem der ersten Tage waren. Hier herrscht sehr friedliche, ruhige, südländische Atmosphäre.
Natürlich stehen bei einer Fahrt mit Bassam die Gespräche im Vordergrund. Wir unterhalten uns über sehr viele Themen bezüglich Orient, Europa, USA und Iran/Irak. Die vielleicht interessantesten Informationen möchte ich hier präsentieren.
Seit 1948, dem Jahr der Gründung des heutigen Staates Israel, ist die südliche Grenze des Libanon gesperrt. Es kann kein Libanese nach Israel, ebenso kein Israeli in den Libanon. Seitdem der Vorgänger des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu als Frau verkleidet mit ein paar Geheimdienstlern im Libanon palästinensische Führer umgebracht hat, werden nicht einmal mehr Menschen mit israelischer Verwandtschaft ins Land gelassen. In der Grenzregion selbst dürfen nur UN- Soldaten verkehren, wenn ein Libanese dort aufgegriffen wird, kommt er wegen Verdacht auf Spionage ins Gefängnis.
Vor ein paar Jahren hat Israel ohne triftige Gründe Elektrizitätswerke im Libanon bombardiert und zerstört. Der für die Wasserversorgung wesentliche Fluss Jordan, wurde durch die Israelis umgelenkt und ein Großteil des Wassers abgeschöpft, ähnlich wie es Ägypten mit dem Nil macht. In jüngster Zeit (Juli 2005) haben israelische Kampfflugzeuge nun Flugblätter über Beirut abgeworfen. Dort stand drin, das Israelische Militär werde umgehend die Hisbollah- Gebiete bombardieren, wenn die Bevölkerung sie nicht umgehend entwaffne. Dabei fordert die Hisbollah lediglich folgende drei Dinge: Die israelischen Flugzeuge sollen nicht mehr über dem Libanon fliegen dürfen, die Wasserversorgung soll nicht mehr gestört werden und die besetzten, libanesischen Farmen sollen freigegeben werden. Die israelische Seite fordert natürlich die vollständige Entwaffnung der Widerständler. Beide Seiten gehen nicht gerade zimperlich vor, zum Beispiel werden von den Israelis erbeutete Panzer auf Schauplätzen demonstriert. Und wie im europäischen Fernsehen zu sehen war, kommt es vor, dass israelische Militärs Palästinenser festhalten und bei lebendigem Leibe die Arme zerbrechen und zerstückeln. Das israelische Militär behandelt die Siedler im Gazastreifen bei der Räumung ebenfalls rabiat: Die Siedler werden in Käfige gesteckt, ihre Häuser mit Panzern überrollt und anschließend die Käfige nach Israel gefahren.
Dann besuchen wir noch eine Moschee in Tripoli. Julia muss einen Lappen um sich wickeln, damit man sie nicht sieht. Der Wächter besteht auf der einen Seite auf Verschleierung und erzählt mir auf der anderen Seite vom tollen Rotlichtviertel in Hamburg. Das erinnert mich gleich an die Doppelmoral der Katholiken. Je radikaler die Menschen, umso mehr geschieht hinter verschlossener Türe. Dann in der Moschee begegnen uns nur skurrile, verrückte Gestalten – dies ist kein Urteil aufgrund ihrer Religion, sondern ihres Verhaltens. Komische Leute, die bestehen, dass wir sie fotografieren, die uns erzählen, sie wollten nach Frankreich reisen und ob wir ihnen nicht ein Visum klar machen können und vieles mehr.
Bassam behauptet, die Libanesen seien mit ihrer aktuellen Situation zufrieden. Doch angesichts der Arbeitslosigkeit von 1/3, 3/5 Armut in der Bevölkerung (1/5 vor dem Bürgerkrieg) und argen Problemen in der Infrastruktur (zuviel Verkehr, schlechte Versorgung, schlechte staatliche Schulen und kaum öffentliche Verkehrsmittel) erscheint der Optimismus wie Augenwischerei.
Abends dann kommen ein paar Freunde aus Julias Arabischkurs zu ein paar recht netten Unterhaltungen. Ich frage einen Italiener (Giovanni) zur Mafia in seinem Land aus. Diese spiele dort eher eine Business- Rolle und sei kaum kriminell aktiv. Nino Rotas „Der Pate“ und viele andere westliche Darstellungen der Mafia seien verfehlt. Zwar gebe es kleine Distrikte, in denen es einen „Chef“ von der Mafia gebe, doch töte diese nur, wenn sie arg in der Klemme ist. Dennoch ist die Mafia natürlich ein großes Problem. Doch sie ist eher mit der deutschen Lobbyarbeit als mit russischen Mörderbanden zu vergleichen. Besagter Italiener war als Journalist kürzlich im Irak.