Nachdem wir um Mittag herum aufgestanden sind, hat Julia zunächst einen Brunch organisiert. Wir essen Humus, hiesigen Gewürzquark, Pita- Brot, Rührei und Gemüse. Ohnehin sei die gute Qualität des einheimischen Essens betont. Vor allem Gemüse und Obst ist hier von besserer Qualität als in Deutschland. Es werden weder Düngemittel, noch Pestizide verwandt, es handelt sich hier um Bio- Qualitätsware zum Preis der ordinären Qualitätsware von Aldi oder Penny in Deutschland. Ausländisches Obst und Gemüse gibt es nicht, denn es wächst hier alles von Äpfeln über Tomaten bis Bananen.
Der nächste Programmpunkt für heute ist Wandern. Wir wollen zu den Zederbäumen gehen, welche auch in der libanesischen Nationalflagge zu sehen sind. Dazu nehmen wir uns eine Taxe, hier meist Mercedes- Benz der Baujahre 1980 und davor, und fahren für umgerechnet 50 Cent quer durch die Stadt zur Bushaltestelle, wo wir nach einigem Durchfragen einen Bus finden. Zugegeben, in Deutschland würde ich nie in solche Fahrzeuge einsteigen, doch hier herrscht eine andere Mentalität. Abgesehen davon, dass hier eine hohe Militärpräsenz herrscht - es gibt keine Polizei - wird das Gefühl der Sicherheit vor allem durch das Vertrauen der Einheimischen Gegenüber den Ausländern bestärkt. Die Busse sind nebenbei ähnlich wie große Taxen, halten irgendwo, kosten streckenabhängig um die zwei Euro pro Fahrt (also circa 4000 libanesische Lira oder 2 2/3 Dollar, die Währung ist an den Dollar gekoppelt im Verhältnis 1500:1) und halten an, wenn auf der Schnellstraße irgendwo jemand am Straßenrand die Hand hebt.
Nachdem wir bemerken, dass Julia sich im Reiseführer verlesen hat und wir 20 Kilometer von unserem Ziel entfernt in der Pampa gelandet sind, nehmen wir kurzerhand den nächsten Bus, der uns aufsammelt (da wir Ausländer sind müssen wir die nicht einmal anhalten). Es geht also weiter bis zu einem Ort wo es französisch-arabische Wegweiser gibt, sodass auch ich mich ein wenig zu Recht finde. Wir gehen eine Asphaltstraße nach oben in die Berge zum Zedernnationalpark. Die Natur ist hier wesentlich grüner und es herrscht nicht so ein Smog wie in der Hauptstadt. Die Luft ist klar, der Himmel sowieso und recht und links vom Weg befinden sich Disteln und wild wachsende Pflanzen.

Viele der Bäume wurden im Bürgerkrieg gerodet, ganze Landstriche sind erodiert, doch hier hat sich die Natur zumindest teils renoviert. Hinter der ersten Kurve geht Julia in ein Restaurant um die hygienischen Einrichtungen zu benutzen und ich werde natürlich sofort angesprochen, ob ich Wasserpfeife rauchen möchte oder etwas essen oder trinken möchte. Solch eine Gastfreundschaftlichkeit bin ich nicht gewohnt und lehne Naturgemäß ab, so wie man es in Deutschland aufgrund einer allgemeinen Skepsis gegenüber Fremden tut. Nachdem Julia wiederkommt bieten uns zwei Jungs der libanesischen Familie, sie sind vermutlich zehn und sprechen fließend Englisch, eine Limonade an, welche wir austrinken und weitergehen.

Auf halbem Weg rast dann ein Jeep mitten ab vom Weg den Berg hinauf und fährt dann an uns vorbei und fragt, ob wir mitkommen möchten. Wir steigen ein und werden von ein paar zunächst interessant wirkenden, international versierten Libanesen unseres Alters in den Nationalpark gefahren. Da die Libanesen von Grund auf faul sind, gehen wir circa 500 Meter in den Wald, schauen uns ein paar 2000 Jahre alte Zedern an, machen ein paar Fotos und fahren wieder hinab.

An der Grenze des Nationalparks setzen die Libanesen uns ab und laden uns auf später zum Kaffee ein. Wir gehen in den Souvenirshop des Nationalparks und kaufen ökologischen Zedernhonig, der uns mindestens zehn Mal vom Verkäufer als medizinische Delikatesse angepriesen wird. Wir probieren und sind überzeugt, wenn auch 25000 Lira, also knapp 17 Dollar, viel Geld sind. Für ein Kilogramm Zedernhonig allerdings sicherlich ein fairer Preis. Wir gehen den Weg bergabwärts und treffen eine libanesische Familie auf Wochenendausflug, nicht sehr reiche Leute, welche uns jedoch sofort zum Essen einladen und Julia ein großen Pita- Sandwich mit Fleisch und Zwiebeln bereiten.

Wir beschließen, die Einladung abzuschlagen und nach Beirut zurückzufahren, da uns die Jeep fahrenden Schickimickis etwas zu dekadent vorkamen, doch wir werden im Vorbeigehen in das uns unbekannte Haus hinein gewunken. Dort wo wir eintreten wird gerade gebaut und es sieht etwas chaotisch aus, nachdem wir sagen, dass wir gerne los möchten (wir mussten uns einen dringenden Termin erfinden), wird uns mitgeteilt, es fuhren keine Busse und Taxis mehr, sodass wir nicht wegkommen würden. 100 Kilometer von Beirut entfernt, es kommt Freude auf. Doch wie es sich angebahnt hatte, haben wir superreiche erwischt und werden ins Nachbarhaus - hier gehören vier Häuser der Familie - geführt. Dort werden wir vor Prunk erschlagen, große Säle mit Figuren, Marmor, orientalischen Möbeln, Vasen und vielem Prunk mehr. Der Hammer jedoch ist der Vater, welchen wir gerade beim Mittagsschlaf überraschen. Er legt sich großprotzig neben mich auf das Sofa und erzählt von seinen Geschäftskontakten nach Hamburg. Fragt mich, wo ich wohne, ob ich das Hotel „Atlantic“ kenne, erzählt von seinem Haus in Blankenese und seinen Geschäftspartnern in der Mönckebergstraße. Währenddessen werden wir mit Wasser und Süßigkeiten bedient. Anschließend gehen wir in den Garten, welcher mit Wasserspielen, kleinen Teichen und Sitzgelegenheiten übersät ist. Dort lernen wir den Rest der älteren Familie kennen und die Köchin der Familie kocht mir eine Abendmahlzeit, da ich noch nicht gegessen habe. Es gibt leckeren Bulgur und Salat. (Für die Skeptiker sei hier angemerkt, dass wir für all den Service der Gastfreundschaftlichkeit keinen Cent ausgegeben haben, es gehört zur Mentalität hinzu, Ausländer einzuladen.)
Der Pate gesellt sich später auch hinzu, lässt sich eine Flasche Wasser reichen, nimmt einen Schluck, der Rest wandert in den Müll. Fragt mich, ob ich in der Adolfstraße wohne und wie weit das vom Atlantik weg sei und so weiter. Die jüngeren Mitglieder der Familie, welche betont hatten, wie unglaublich langweilig es ja dort draußen sei und dass sie außer Rauchen und Langweilen nichts zu tun hätten, fragen uns nun mit Nichtigkeiten aus. Ohnehin ist es in dieser Schicht egal, was man später vorhat, solange das Wort „business“ vorkommt. „Physics and philosophy“ wird stets als „wonderful combination“ bezeichnet und alle interessieren sich dafür scheinbar, doch Detailfragen stellt niemand. Ohnehin wird in der „upper class“ der Begriff des Intellektuellen über die Attribute der Frankophilie und Anglophilie definiert. Wer neben Libanesisch Englisch und Französisch beherrscht, gilt als intellektuell, selbst wenn die Person nie ein Buch gelesen hat. Als Mitfahrgelegenheit wird uns schließlich ein neuer Mercedes angeboten, welcher vom familieneigenen Fahrer gelenkt wird. Zwei der Familienmitglieder fahren mit uns und wir werden mitten auf der Autobahn herausgelassen und es wird ein Bus für uns angehalten, Kontrastprogramm zum eben Erlebten.


Jedenfalls besichtigen wir noch die Altstadt und gehen zum Sarkophag Hariris, den im Februar in einem Attentat ums Leben gekommenen Ministerpräsidenten.
In der Altstadt hat sich seit dem Bürgerkrieg viel getan und so wurden inzwischen ähnlich wie am Potsdamer Platz in Berlin sämtliche Gebäude restauriert und wieder aufgebaut.