Parent segment: Travel
-10updown
2005-08-05 12:22:00

Die weitere Planung sieht wie folgt aus: Heute werden wir nach Julias Arabischkurs nach Tripoli fahren (hat nichts mit Tripolis zu tun) und anschließend in einen Klub gehen. Morgen werden wir dann ausschlafen und Beirut und Umgebung anschauen. Für den Sonntag hat Feras’ Organisation eine Radtour organisiert, an der ich teilnehmen werde. Julia entspannt sich dann und macht ihren Arabischkurs. Nächste Woche werden wir uns die Umgebung anschauen und ein paar Basare, Moscheen und Ruinen in den umlegenden Dörfern erkunden. Ende nächster Woche werden wir dann mit Feras wandern gehen und zu Osama, ein Praktikant bei der LTA, in die Berge fahren, wo wir dann zelten. Am 15. August um 3 Uhr morgens begebe ich mich auf den Rückflug.

Wir fahren nach Julias Ankunft mit dem Taxi zur Busstation und dann weiter mit dem Bus nach Tripoli. Die zweitgrößte Stadt des Libanons ist schon vom ersten Eindruck an vollkommen anders als Beirut. Hier leben vor allem Sunniten, die ihren Glauben ernster nehmen als viele Beiruter. Daher zeigen sich auch kaum Frauen ohne Kopftuch. Es ist allerdings zu sehen, dass manche Pärchen Händchen halten, eine Geste die für streng Gläubige verboten ist. Wir gehen durch einen „Park“, ein 100 Quadratmeter großes Areal, und suchen den „Souk“, die libanesische Bezeichnung für einen Basar, also einem orientalischen Markt, wie er in Beirut seit dem Bürgerkrieg leider nicht mehr existiert.

Ein kleiner Park in Tripoli. Im Hintergrund der Clock Tower.

Nach einigem Durchfragen auf Libanesisch, welches Julia inzwischen relativ gut beherrscht, finden wir den Weg. Die ohnehin sehr arme Stadt zeigt uns zunächst ihre schlechten Seiten. Wir landen beim falschen „Souk“. Eine schmale Gasse führt vorbei an den kleinen Läden, die inzwischen geschlossen haben. Dennoch sind einige Händler dabei, ihre Reste zu entsorgen. In der Mitte der Gasse ist eine Art Rinnsal, in dem die Fischhändler die Lake aus ihren Fischtruhen entsorgen, das ganze duftet nach totem Fisch und Verwesung. Und das Schlimmste: Wir müssen da auch noch mit unseren Sandalen durchlaufen. Überall ist altes Gemüse, Dreck, schmutziges Wasser und komischer Geruch. Hier und da liegen Tierkadaver, die Gasse ist überdacht und sehr schmal, doch ein Ausweg bahnt sich an, Licht ist am Ende des Tunnels zu sehen. Als wir ins Freie treten wird es zwar auch nicht wesentlich besser, viele arme Kinder sprechen uns an und fragen uns „How are you?“. Eine Standardfrage, auf die man stets mit „Fine, Shokrann“ (Gut, danke) antworten sollte.

(Hier ein Blick auf die Innenstadt und den dreckigen Souk.)

Nun suchen wir das ehemalige Kreuzritter- Schloss auf, eine Art mittelalterliche Burg. Auf dem Weg kommen wir an einem bizarren Kunstwerk vorbei, welches wir fotografieren mussten. Die Hakenkreuze auf dem Bild sind nicht ernst gemeint, die meisten Libanesen wissen nicht, was es bedeutet und halten es für „typisch deutsch“:

(Der deutsche Fußball ist in Tripoli wohl sehr populär, obwohl hier keine einzigen Touristen sind.)

Im Schloss angekommen handeln wir einen Sonderpreis aus und werden als einzige Gäste (den Burgwärter überraschten wir beim Schlafen) eingelassen. Weder Geländer noch Beschriftungen sind vorhanden, das ganze wirkt sehr unerschlossen und untouristisch. Wir klettern also die Gemäuer hoch und schauen über die Stadt, welche von hier oben sehr armselig und betoniert anmutet. In die eine Richtung sehen wir die See, zur anderen Seite die entfernten Berge. Wenn man sich die Stadt wegdenkt, ist es richtig schön hier…

(Ein Blick auf die Stadt. Diese Perspektive ist noch relativ ansehnlich, nach links fortgesetzt kommen nur noch Häuser wie im linken Bildrand.)

Anschließend wollen wir zurück ins Zentrum (ich bestehe auf einen Weg, der am „Souk“ vorbeiführt) und kommen an einem Seifenladen vorbei. Der Laden gehört einer großen, reichen Familie, die Seife verkaufen diese sogar in einem Geschäft in den Colonaden in Hamburg. Tripoli ist für seine gute Seife bekannt und wir kaufen ein wenig von der handgemachten, natürlichen Seife mit Jasmin- Öl. Anschließend werden wir vom Ladenbesitzer, welcher gerade einen Schichtwechsel vollzogen hat, zum „golden Souk“ geführt, einem schönen Basar, welcher nicht so dreckig ist und auch ein weiteres Seifengeschäft der Familie beherbergt.

(Vorplatz der Seifenfabrik)

Er zeigt uns die Herstellungsanlagen, ein wenig libanesischer Smalltalk mit den anderen Mitarbeitern wird gepflegt. Wir schauen uns an, wie die Seife geschnitten, mit Kräutern ergänzt und abgepackt wird.

(Hier wird die Seife geschnitten und portioniert.)

Wir gehen weiter zu einem von dieser Familie empfohlenen Süßigkeiten- Laden, der ebenfalls einer großen Familie gehört, welche sogar am Flughafen und wie so oft auch in Hamburg ihre Produkte in eigenen Läden anbieten. Der Palast (so auch der Name des Restaurants) sticht förmlich aus den schlecht aussehenden Betonbauten hervor und stellt einen starken Kontrast zu seiner Umgebung dar. Draußen 33°C, dreckige Straßen, schlechte Luft, arme Menschen. Im Palast 20°C, sauberes Ambiente, erfrischende Luft, 300 Mitarbeiter und Einrichtung vom Feinsten. Wir essen eine Brotspezialität mit Käse und Zuckersirup. Anschließend werden wir vom Ladenbesitzer durch die Produktionsmittel geführt – natürlich mit Haarschutz, der Laden hat ein Qualitätszertifikat.

(Hier werden Kremfüllungen hergestellt.)

(Hier sind einige Spezialitäten auf den runden Tellern, auf den sie gebacken und verkauft werden.)

Eigentlich dürfen wir keine Fotos machen, doch sofern der Chef nicht guckt, wird es uns gestattet.

(Hier sind fertige Kekse auf dem Weg aus dem Backofen.)

Anschließend kaufen wir ein paar Süßigkeiten und gehen wieder. Wir überlegen uns, lieber in Beirut zu essen, da uns die „Snack- Bars“ nicht koscher aussehen.

Jetzt hupfen hier noch so ein paar libanesische Oberklassenleute rum, die wir eigentlich nicht eingeladen hatten, doch gleich werden wir wohl losgehen, „clubbing“ (das „bb“ muss dabei ausgesprochen werden, wie es Helmut Kohl sprechen würde, für den richtigen Akzent).

Wir gehen zunächst mit Sonia in die „Rue Morneau“, einer Straße, welche wie eine kleine Seitengasse wirkt und etwa 10 Klubs enthält. Rotlichtviertel und Partylokalitäten sind strikt voneinander getrennt, nicht wie es in Deutschland der Fall ist. Im Libanon, dem einzigen arabischen Land mit Diskos, wird zwar von der Musik und vom Tanzstil ein ähnliches Ambiente geschaffen, wie in Hamburg, doch die Funktionsweise und Ausstattung ist sehr verschieden. Zunächst gilt für alle Bars, Klubs und Diskos Eintritt frei. Die Kosten werden durch Getränke erwirtschaftet. Die Klubs sind hier sehr an die Oberschicht gerichtet. In den Diskos befinden sich Tische mit Stühlen darum und Tanzflächen zwischen den Stühlen. Die Tische sind relativ orientalisch und die Sitzgelegenheiten teils ebenso. Klimaanlagen sorgen für die nötige Abkühlung und an die Tische werden gesalzene Karotten, süße Kirschen, Popcorn und Erdnüsse und andere Häppchen kostenfrei serviert, vermutlich um die Besucher dazu zu bringen, mehr zu trinken. Da um halb zwölf hier noch nicht viel los ist, obwohl um 3 Uhr die meisten Klubs schließen, gehen wir von einer Lokalität zur nächsten, bis wir einen Club mit relativ guter Musik finden: Teils Acid Jazz, teils arabischer Rhythm and Blues, insgesamt eine ausgewogene Mischung zwischen orientalischer und westlicher Musik. Sonia geht nach Hause. Wir warten vor dem Klub und unterhalten uns mit dem Türsteher, der zwar sehr stupide und einseitig ist, aber ganz lustige Geschichten erzählt. Zum Beispiel konnte er nicht verstehen, warum ich gerne zur Fahrradtour mit unserem WG- Mitbewohner möchte statt mit ihm an den Strand zu fahren. Ich versuche ihn schließlich davon zu überzeugen, dass er von den minderjährigen Syrern, welchen das Tanzen in ihrer Heimat verboten ist, wenigstens Eintritt verlangen soll, wir würden uns dann den Gewinn teilen (kein ernsthafter Vorschlag), aber gut. Wenigstens darf ich einmal entscheiden, ob Leute hereingelassen werden oder nicht. Da bin ich natürlich großherzig.

Er erzählt noch andere abstruse Dinge, die ich hier nicht erwähnen möchte. Doch der Libanon ist klein, wie sich hier zeigt, und gerade in diesen Gegenden sollte man sich keine Feinde machen. Ein Grund, warum wir stets Leute grüßen, die uns kennen oder uns begrüßen. Julia bleibt hier schließlich noch knapp drei Monate.

Ich nehme mir schließlich ein Taxi und fahre zurück. Julia bleibt noch ein wenig mit einem Libanesen, der gerade gekommen ist. Obwohl es eigentlich auch günstiger geht zahle ich dem Taxifahrer etwas mehr, da wie ich heute erfahren habe die Taxifahrer von der Regierung nicht gerade gutherzig behandelt werden. Es wurden wesentlich zu viele Taxilizenzen verteilt, sodass ein regelrechtes Überangebot herrscht. Für die meisten Strecken reicht der Fahrpreis gerade für die Benzinkosten und der Staat bietet keinerlei Unterstützung. Allerdings sind auch keine Abgaben fällig. Es ist nur bezeichnend, dass viele der Taxifahrer bis ins hohe Alter mit ihren teilweise fast zerfallenen Autos in der Gegend herumkurven. Kann kein lukrativer Job sein.

Jedenfalls überlasse ich dem Taxifahrer den normalen Taxipreis, nicht „Service“, 5000 Lira – wir hatten 3000 ausgemacht. Vielleicht kauft er sich was Schönes davon oder gibt seiner Familie etwas davon. Schließlich komme ich zu Hause an und glücklicherweise ist Feras noch wach, der mir öffnet. « Bonne nuit » nach Hamburg!