Heute wollen wir (Julia, Sonia, Marc, Frauke und ich) nach Saida und anschließend nach Tyr. Von unserem Mitbewohner Feras kriegen wir den Tipp, zunächst nach Tyr zu einem öffentlichen Strand zu gehen, genauer zum Abteil 59. Wir folgen dem Tipp und fahren mit dem Bus nach Tyr, wo wir direkt zum Strand gebracht werden. Dort sind sechzig kleine Strandplätze nebeneinander, wir gehen zur Nummer 59. In vielen sind kleine Restaurants und in jedem sind Umkleiden und Tische mit Stühlen in Richtung Strand. Schaut man vom Strand nach links, sieht man ein Flüchtlingslager der Palästinenser (in ein Kilometer Entfernung). Dahinter kommen Berge, dort beginnt Israel, der Erzfeind. Die Golanhöhen lassen sich auch ausmachen. Zur anderen Seite lässt sich Strand und dahinter Tyr sehen. Das Wasser ist hier klar, Quallen gibt es keine, der Strand ist wie aus der Werbebroschüre. Da wir uns hier im schiitischen Bereich des Landes befinden, gehen die Frauen komplett mit Klamotten und Kopftuch ins Wasser. Baden dürfen sie allerdings. Abgesehen von der Kleiderordnung sind Frauen und Männer zumindest aus der Sicht der Schiiten gleichberechtigt. Wir entspannen uns, gehen baden und lesen Zeitung.

(Ein lebendiger, wenn auch etwas demolierter Strandkrebs.)
Das Wasser ist warm genug, um ohne Bewegung beliebig lang in den Wellen zu liegen. Das Einzige, was stört, sind kleine Tiere, die einen ab und zu stechen. Doch die Stiche haben keine anhaltende Wirkung.

(Hier der Strand zu sehen. Im Hintergrund Tyre, arabisch Sour.)
Im Wasser lernen wir dann einen schweizerisch sprechenden Libanesen kenne, der in Zürich eine große Auto- Import-/Exportfirma betreibt. Er lädt uns auf später zum Essen ein und bietet uns ein Apartment in Beirut an, nachdem er gehört hat, dass Julia 300 Dollar Miete im Monat zahlt. Die möblierte 3-Zimmer-Wohnung habe er für 170000 Franken gekauft, das sei aber kein Problem gewesen, er habe dort auch noch nie gewohnt.
Nach dem Essen dann lädt er uns auf eine Bootstour ein. Wir nehmen die Einladung gerne an, obwohl es bereits sechs Uhr ist und wir uns noch die Stadt angucken wollten. Wir gehen also durchs Wasser in Bauchhöhe und steigen in das Boot. Es stellt sich heraus, dass der Schweizer Libanese wohl sehr interessiert an Julia ist und extrem oberflächlich ist. Er erklärt Julia wörtlich: „Geld spielt keine Rolle“. Er sagt, hier sei alles so günstig und die Mentalität viel besser als in der Schweiz, er sei geschieden, Arbeit würde ihn nerven und er suche einen Ausgleich. Zudem wolle er mir eine Libanesin als Frau suchen („natürlich muss sie schön sein“). Kein Kommentar zu dem ganzen.
Wir fahren weiter mit dem Boot, an einem Restaurant mit auf Stelzen angebrachten Sitzplätzen im Wasser fliegen ein paar Dollarscheine von Boot und Bier und Limonaden kommen zurück.

(Rechts das Restaurant, links das Mittelmeer. Die Wassertiefe beträgt hier etwa einen Meter.)
Der Libanese und ein Freund von ihm tanzen in der kleinen Barkasse zu dröhnender Musik und fordern uns ständig auf, mitzutanzen, der glitschige Boden ist für uns eine gute Erklärung, warum wir eben dazu überhaupt keine Lust haben. Wir fahren zu ein paar Felseninseln und sehen vom Wasser die Ruinen der Stadt. Ebenfalls sehen wir die alten Bauten, welche halbversunken, einen Meter unter dem Meeresspiegel durchschimmern.

(Hier ein paar alte Ruinen inmitten der Stadt)
Draußen wird es immer dunkler und wir haben allmählich Interesse, wieder zum Strand zurück zu gelangen, da die Typen ziemlich nerven.

(Ein Blick auf das Boot, inzwischen ist es dunkel geworden)
Wir lassen uns wieder zurück bringen, ziehen uns um und gehen kurz zu seinem Strandplatz (Nr. 50). Dort angekommen lädt er uns noch mal zum Essen ein, doch wir erklären ihm, dass wir nicht können. Er besteht darauf, dass wir uns noch ein Foto anschauen, wie er von einem 15-Meter-Sprungturm in einen schweizerischen See springt. Wir sind nicht sonderlich begeistert. Anschließend fährt er uns mit seinem Jeep, mit dem er aus der Schweiz bis in den Libanon gefahren ist, zur Busstation. Auf dem Weg erklärt er mir noch, welches die besten Restaurants hier seien. Anschließend verhandeln wir mit einem Taxifahrer und fahren schließlich mit dem Bus bis vor unsere Haustür, so sparen wir pro Person 1000 Lira. Auf der Rückfahrt machen wir ein paar Quize und schauen aus dem Fenster. Ein wenig Glauben an den Fahrer gehört auch immer dazu. Dieser kippt an einer Tankstelle Nitro in den Tank, damit der Bus schneller fährt und besser beschleunigt. Anschließend werden Autos und andere Busse überholt. Das ganze auf nicht allzu gut gesicherten Landstraßen. Wenigstens haben die Libanesen ihre Fahrzeuge meist unter Kontrolle.
7. August – Fahrradfahrt
Nach dem Essen fahre ich mit Feras und seinem VW Käfer zum Startpunkt der Fahrradtour. In der Altstadt, dem Startpunkt der Fahrt, angekommen, zahle ich meine 10000 Lira Teilnahmegebühr (weniger als der Umkostenpreis) und suche mir ein Mountainbike aus. Auch wenn die Tour nur über Straßen geht, hier gibt es nur Mountainbikes. Helme haben wir natürlich alle einen aufgesetzt.

(Der Startpunkt der Fahrradtour: Im Hintergrund bauen Kräne die letzten Bauwerke der Altstadt auf.)
Um zehn Uhr geht es schließlich los. Zunächst fahren wir auf der Autostraße und biegen dann auf die ehemalige Hauptstraße direkt an der Küste ab. Auf der Strecke sind vier äquidistante Haltepunkte mit Wasserversorgung für die Teilnehmer eingerichtet. Dort warten Mitarbeiter der Organisation „Green Line“, welche die Fahrradfahrt ausrichtet, auf uns. Die Libanesen sind allesamt sehr untrainiert. Viele rasen vor, ich fahre wie gewohnt konstantes Tempo und hole die meisten ein. Auf der Bergetappe kommen die meisten dann vollkommen aus der Puste.

(Der Yachthafen am Wegesrand…)
Die gesamte Radtour wird übrigens von einem Sicherheitsauto begleitet, welches uns leitet und begleitet. Zusätzlich fährt ganz am Schluss ein Laster für den Rücktransport der Fahrräder mit. Selbst für deutsche Verhältnisse ist alles sehr gut organisiert, obwohl Feras erst vor einer Woche mit der Organisation angefangen hat.
Da ich den Weg nicht genau kenne klemme ich mich an einzelne Fahrer ran, die meist auch Englisch sprechen und an der amerikanischen Universität in Beirut studierten, wo auch Feras seinen Master in BWL gemacht hat.
Die Gesprächsthemen gehen von der Kultur im Libanon bis zu den verschiedenen Religionen und politischen Themen. Mir wird erklärt, warum die schiitischen Frauen nur die Hälfte des Erbes erhalten, welches ihren Brüdern zusteht. Dies liege daran, dass die Männer als Mitgift die Hälfte ihr Vermögen mit in die Ehe bringen müssten. Er erklärt warum die Männer kurze Haare haben sollen und die Frauen ein Kopftuch tragen. Dies liege daran, dass sich die schiitischen Menschen nicht ablenken lassen wollen von unnötiger Körperpflege und Attraktion. Die Schiiten seien zudem Reformbereit. Um ein Ayatollah zu werden brauche man sehr viel Bildung und müsse viel „studiert“ haben. Im Gegensatz zum Papst würden die Ayatollahs auch Reformvorschläge machen und neue Ideen in die Religion bringen. Zudem seien sie aufgrund ihrer Qualität gewählt und nicht in einem korrupten Männerklüngel gewählt wie es beim Papst der Fall ist. Wie auch immer man diese Aussagen beurteilt und deutet, das Gespräch gestaltet sich interessant und er teilt mir viel über die Religionen und Ansichten der Menschen im Libanon mit.

(Die Grundmauern des alten Byblos)

(Unsere Ankunft im ehemaligen Byblos. Das neue Byblos liegt weiter nördlich.)
Nach 48km Strecke, erholen wir uns ein wenig von der Tour und gehen in ein Restaurant, welches uns libanesisches Brot mit diversen Salaten und Soßen für einen Fixpreis anbietet. Das Essen ist sehr gut und es ergeben sich interessante Unterhaltungen. Zum Beispiel unterhalte ich mich mit einem Mitglied von „Green Line“, welches später Filmproduzent werden möchte. Wir unterhalten uns über Legalitätsfragen und diskutieren über Menschenrechte. Hier im Libanon ist es übrigens ähnlich wie in China üblich, illegale Software, Musik und Videos in Shops zu erwerben, welche die Raubkopien aus Malaysia oder China importieren. Das Internet wird hier nur selten benutzt.
Auf der Rückfahrt mit dem Bus werde ich dann mit der Frage überrascht, was ich denn von der CDU und SPD halte und von Angela Merkel. Obwohl der betreffende Libanese noch nie in Deutschland war, die meisten der Intellektuellen hier informieren sich über die europäische Politik und wichtige Ereignisse. Interessanterweise sind die Darstellungen im Fernsehen hier aber wesentlich neutraler.
Ich frage nach meiner Vorstellung des deutschen Systems nach, wie die libanesische Demokratie funktioniere. Im Libanon gibt es 18 Sekten. Die Mehrheiten machen die Schiiten, Sunniten, Drusen (Moslems, 70% der Bevölkerung, 50% der Abgeordneten), Maroniten, Katholiken, Armenier und Griechisch- Orthodoxen (Christen, 30% der Bevölkerung, 50% der Abgeordneten) aus. Die restlichen Sekten sind auch vertreten, doch nur sehr marginal. In jedem kleinen Wahlkreis lassen sich nun lokale Abgesandte wählen – die Wahl findet über vier Sonntage statt. Nicht also auf Landesebene, sondern nur für die lokalen Gebiete. Diese lokalen Abgeordneten werden dann in das Parlament gesendet, wo sie auf mysteriöse Weise den stets sunnitischen Premierminister (mit viel Macht ausgestattet) „vorschlagen“, welcher auf Lebenszeit gewählt ist. Der Präsident gehört stets den Maroniten an und hat kaum Macht. Der Präsident vom Parlament stammt aus den Reihen der Schiiten. Auch wenn es eventuell den Eindruck macht, doch praktisch hat das Parlament keine Macht und das gesamte System genügt mitnichten europäischen Ansprüchen an eine Demokratie.

(Feras, der Hauptorganisator und unser Mitbewohner, nach der Ankunft am Ausgangspunkt. Wie immer am Telefon…)
Insgesamt ist die Fahrradtour sehr schön gewesen, wenn ich auch als einziger hellhäutige Europäer ein paar Sonnenbrände bekommen habe (der Schweiß verhindert effektives Einkremen mit Sonnenschutzmitteln). Entgegen der Erwartungen ist die Fahrradtour nicht allzu anstrengend gewesen (zumindest für mich). Interessant war es, auch das Land zwischen den Städten zu sehen. Zwar nicht spektakulär, aber schön. Ein paar Fotos, die ich bei den Unterbrechungen gemacht habe, werden dies nach ihrer Entwicklung belegen.
Am Abend gehen wir (Julia und ich) noch mit Sonia zur Corniche. Zwar gestalten sich die politischen Diskussionen aufgrund des Mangels an Englischkenntnissen auf allen Seiten als schwierig, noch arger wird es dann bei einer philosophischen Narzissmus- Debatte (Deutsch ist halt die Sprache der Philosophie…).