29. Juli – LTA, Warten, Beach Party.
Nach dem Frühstück, deutschem Müsli mit libanesischen Früchten, haben wir ein Taxi zur „Lebanese Transparency Association“ genommen, die NGO bei der meine Schwester ihr Praktikum durchführt. Ebendiese Vereinigung ist eine Lokalabordnung der „Transparency International“ und bekämpft die Korruption vor Ort durch Analysen, Kontakte zu Einheimischen, Befragungen und Internetrecherchen. Die Dachorganisation ist durch den Korruptionsindex bekannt geworden.
Bei der LTA arbeiten fünf Praktikanten und fünf Angestellte in diversen Projekten, über die keiner - nicht einmal der Chef - einen Überblick hat.
Dort angekommen stellt Julia mir ihre Arbeitskolleginnen und den an Autorität mangelnden Chef vor - eine optovisuelle Melange zwischen Helmut Kohl und einem sizilianischen Paten - der genauso korrupt sein soll, wie diejenigen, welche die Organisation zu bekämpfen versucht. Die meisten Einheimischen lachen nebenbei über die Ziele der Organisation.
Von Arbeiten kann zumindest heute allerdings nicht die Rede sein. Das Internet, welches in seiner Geschwindigkeit schon durch ein 28kb Modem locker auf dem Datenhighway überholt wird, funktioniert nur stellenweise, der Aufbau einer Internetseite mit Bildern liegt bei etwa fünf Minuten. Zudem ist es ja ziemlich warm draußen, es ist Freitag und: Viel wichtiger - die Chefs sind nicht da. Der oben beschriebene Chef kommt später hinzu. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Chefs Privatleben und Arbeit nicht trennen und ab und zu mit den Praktikantinnen zum „clubbing“ in edle Bars gehen. Nach einem einheimischen Falafel- Snack (Kichererbsen- Bratling in Teigtasche mit Gemüse) gehen wir zurück zur Arbeit, ein paar Bekannte kommen ins Büro und wir machen eine Arbeitsunterbrechung, bzw. die Privatgespräche werden in einen gemeinsamen Raum verlegt. Denn die Telefone werden ausschließlich zum Terminieren abendlicher Aktivitäten benutzt, was hier sehr wichtig ist. Den Chef scheint dies alles nicht zu stören, er möchte lediglich, dass wir den Schreibtisch vom Co- Chef, heute in Konferenz, wieder aufräumen. Anschließend fahren wir ins muslimische Viertel zurück.
Nun beginnt der interessante Teil des Abends, das Warten. Um halb neun möchten wir zu einer Beach Party, und von den Deutschen sind auch alle da, doch bei den Libanesen wird Zeit anders behandelt.
Als Europäer haben wir nahezu nur Kontakte zu EU- Ausländern oder zur dekadenten Oberschicht, welche für uns die Fahrdienste erledigt und immer besorgt ist, dass es uns auch gut geht. Nach und nach organisieren diese ein Auto nach dem Anderen und wir steigen schließlich um halb elf in die Sportwagen ein und fahren bis zur nächsten Ecke, wo wir auf weitere „Freunde“ warten, die auch mitkommen möchten. So vergeht Stunde um Stunde bis wir schließlich kurz nach zwölf an einem Touristenstrand eine Autostunde nördlich von Beirut ankommen. Interessanterweise sieht es hier sehr touristisch aus, obwohl uns ein Libanese einlud. Dieser muss nun auch gleich los, er hatte mit uns um neun gerechnet und wir fahren nach zwanzig Minuten Meer anschauen und Freibier trinken - hier ist wie so oft alles gratis - mit ihm zurück nach Beirut, der Abend hat sich unheimlich gelohnt! Mit europäischen Zeitvorstellungen sollte man hier jedenfalls vorsichtig sein.
Nun noch ein paar Details über unsere „Chauffeure“. Viele der jungen erwachsenen Oberschicht Angehörenden langweilen sich hier und studieren - meist Ingenieur, Kunst oder Politik - nur zum Spaß oder sehr unmotiviert. Das macht insofern auch wenig, da es sich hier um Großfamilien handelt, welche so viel Geld haben, dass keiner der Nachfahren arbeiten muss oder sich zumindest gegenseitig ausgeholfen wird. Unser Fahrer besitzt mit Anfang zwanzig einen neuen „Alfa Romeo“ Sportwagen mit allerbester Leder- Holz- Ausstattung, Boxensystem und drum und dran. Er hat uns auf dem Weg zum Strand auch das Casino gezeigt, welches er regelmäßig besucht, obwohl er uns mitteilt, dort jedes Mal viel Geld zu verlieren. Zunächst behauptet er dann, all die Musik, welche uns aus seinen Boxen entgegenschallt, erworben zu haben. Nachdem ich ihm sage, dass wir in Deutschland nahezu alles aus dem Internet bekommen, pflichtet er mir bei, dass er das natürlich genauso mache. Die Einheimischen dieser Schicht versuchen krampfhaft so europäisch zu wirken und zu handeln wie möglich. Viele von ihnen sind zudem sehr nervös und hyperaktiv. Es ist schwierig für sie, ihre Zeit totzuschlagen. Das Thema Religion ist tabu, keiner dieser Schicht betet oder hat etwas mit Gott zu tun und man wird komisch angeschaut, wenn man sich nach der Zugehörigkeit zu einer der 18 religiösen Sekten im Libanon erkundigt.