Parent segment: Travel
-17updown
2005-08-09 12:22:00

Aufgrund komischen Essens – genauere Informationen über was und wann erinnern wir nicht – haben wir Magenprobleme. Zudem gibt es hier irgendwelches Viehzeug in den Matratzen, welches flohähnliche Stiche produziert. Sonnenbrand von der Fahrradtour habe ich auch immer noch. Da Julia sehr erschöpft ist, fallen Arabisch- und Libanesischkurs heute aus. Also mehr Freizeit. Nachdem Julia ihre Erschöpfung überwindet, gehen wir in die Altstadt und gehen in einer Bar Kartenspielen. Wir wollen zunächst auf die „Virgin Terrace“, wo guter Blick über die Stadt sein soll. Nach drei Fotos wird uns mitgeteilt, dass das Cafe geschlossen hat:

(Die Hariri- Moschee, gebaut für und vom ermordeten Ministerpräsidenten Hariri)

Am Abend dann treffen wir uns mit ein paar Freunden von Feras im „Prague“. Ich unterhalte mich mit einer deutschen Studentin, welche einen Libanesischen Vater hat und ihre Familie zum ersten Mal besucht. Außerdem diskutiere ich mit einem Italiener und ein paar Libanesen. Das Faszinierende an dieser Bar ist es, immer wieder Leute zu treffen, die einem bekannt sind. Es gibt nicht allzu viele Bars hier und da der Libanon klein ist, treffen sich hier viele Studenten, bevor sie weiter zu den Klubs ziehen. Sonst gibt es weiter nichts besonders Interessantes über den heutigen Tag zu berichten.

Umso mehr Platz in diesem Bericht für Informationen, die ich schon lange erzählen wollte. So werde ich unseren Nachbarn vorstellen, ein paar Dinge über die politische und ökologische Situation über das Land vertellen und hier und da einen Randkommentar ergänzen.

Unser Nachbar

Wer Probleme mit seiner Speichelbildung, Fehlermeldung beim Abspielen von Musik am Computer oder Langeweile hat, sollte unseren Nachbarn kennen lernen. Der stolze Libanese ist noch prächtig im Fell und verwaltet seinen Miniatur- Media- Markt eigenständig. Und wenn er seine Scheiben auflegt, werfen ihm sogar die prüdesten Libanesinnen ein aufreißerisches Lächeln entgegen – an liebsten umarmt er vorbei schreitende Frauen. Doch meist sieht man ihn nicht, sondern hört nur drei Geräusche von ihm: Den Windows- Klang bei einer Fehlermeldung, das Sammeln von Speichel in seinem Mund und das aussondern ebendieser Flüssigkeit auf den Broadway. In seiner 2- Quadratmeter- Megastore verwaltet er stolz diverse Kollektionen an Kassetten. Doch natürlich ist die Zeit hier nicht stehen geblieben. MP3 gibt es hier auch schon. Darum ja auch alle fünf Minuten Fehlermeldungen. Vermutlich ist dies auch der Grund, warum wir noch keine spontane Straßenparty eingeläutet haben, um seine Musik zu feiern. Oder liegt dies nur daran, dass er jeden Titel nur 20 Sekunden anspielt?

Da wir uns zu seiner festen Fangemeinde zählen dürfen, haben wir natürlich schon diverse, „total coole“ Scheiben von ihm ausgecheckt und sind zum Schluss gekommen, dass hier das Preis-Leistungsverhältnis stimmt: „Pay how much you want. If you don’t like it, you will get it for frrrree. Pay the next time.“ Wir haben uns natürlich für die kostengünstige Variante entschieden, da der gute Mann sich vor Käufern kaum retten kann – da bleibt keine Zeit für aufwendige Kreditkartentransaktionen… Auf der anderen Seite ist natürlich auch fraglich, was eine CD mit 20 Titeln, welche sich in verschiedenen Namen 20 Mal auf der Platte befinden, wert ist. Außerdem ist das ganze Konzept bestimmt illegal – das dürfen wir nicht unterstützen, der Fanclub möchte schließlich nicht sein Idol hinter Gittern besuchen.

Diese historische Einmaligkeit zwischen Udo Lindenberg (bezüglich des Aussehens) und Guildo Horn (sein musikalischer Anspruch), ausgestattet mit dem Charme von Elvis Presley (würde er noch heute leben), mussten wir natürlich fotografieren.

(Unser Nachbar in seinem Großraumhandel)

Fanpost leiten wir selbstverständlich gerne weiter. Beim anfeuchten der Briefmarken könnt ihr natürlich gern seine Techniken ausprobieren. Fünf Sekunden durch die Nase einatmen und dabei die Zunge an den Rachen drücken, anschließend etwas durch den Rachen ventilieren und kräftig pusten…

Soviel zu unserem Nachbarn. Nun zu einer wichtigen Frage: Was unterscheidet einen Libanesen von einem Deutschen?

Zunächst muss ich festhalten, dass die heutigen Deutschen von ihrer Mentalität nicht mehr viel mit den Preußen gemein haben und sich allmählich immer mehr den Libanesen annähern. Übertriebene Gelassenheit, Unpünktlichkeit und Faulheit sind in Deutschland allmählich auch zu einem großen Problem geworden. Dennoch gibt es immer noch große Unterschiede zwischen den Libanesen und den heutigen Deutschen.

Der größte Unterschied betrifft Offenheit, Gastfreundschaftlichkeit und Familienverständnis. In Deutschland kommt es mir zumindest äußerst selten vor, dass ich von Menschen direkt angesprochen werde und gefragt werde, wie es mir geht und zum Essen eingeladen werde, im Auto mitgenommen werde oder ohne Aufforderung beim Auffinden eines Ortes unterstützt werde. Dies ist hier vollkommen normal, Gastfreundschaftlichkeit ist ein in allen Schichten angesehener und respektierter Wert. Vollkommen anders ist auch das Familienverständnis. Die Familien leben meist in großen Häusern zusammen, oft auf dem Land. Im Familienverbund sind Streitereien verboten und die Mitglieder haben sich zu mögen. Libanesen sind zudem temperamentvoller, emotionaler und teils sehr direkt und überschwänglich. Wie bereits in einigen Beispielen gezeigt sind sie außerdem auch sehr unpünktlich und was Termine betrifft unzuverlässig. Nicht aber was Freundschaft betrifft. Diese werden wahrgenommen und stark gepflegt. Das Nationalbewusstsein ist auch (noch) stärker vorhanden als bei den Deutschen und das Ausland wird oft als Argumentationsstütze genommen und um zu sagen, wie schlecht es den Libanesen ginge und auszudrücken, dass deshalb jede Initiative umsonst sei. Visionäre und Machermenschen sind die Libanesen nicht, dazu sind sie viel zu faul.

Nicht nur die Menschen, sondern natürlich auch die Gesellschaft ist sehr von der deutschen verschieden. Im Norden Europas haben wir eine Individualgesellschaft, hier und in manchen Teilen Südeuropas herrscht die Kollektivgesellschaft vor. Es gibt kaum einen Libanesen, der sich mit einem Buch zurück zieht oder etwas alleine macht, es wird stets kommuniziert. Und wenn nicht gerade das Handy benutzt wird, treffen sich die Libanesen in Bars, Restaurants und Klubs. Die Menschen genießen hier das Leben, anstatt Reichtum, Ehre und Anerkennung anzustreben.

Was die Menschenrechte betrifft, herrscht noch Entwicklungsbedarf. So werden zum Beispiel Drogenhändler in Polizeirevieren geschlagen und gefoltert. Außerdem gibt es für Mord immer noch die Todesstrafe.

Seit dem Attentat auf den Ministerpräsidenten Hariri hat sich viel geändert. Die Korruptionsraten sind gesunken, insgesamt ging eine Art Ruck durch das Land, auch wenn der Milliardär sehr berühmt war und Chirac den Wahlkampf finanziert hat. Eine Aufbruchsstimmung ist zwar in der Bevölkerung nicht zu spüren, doch soll sich einiges verändert haben. Statistiken werden aber nicht veröffentlicht, daher lassen sich im Lande Veränderungen schwer ausmachen.

(Noch einmal unser Nachbar)

Nun zu den Problemen des Landes. Im Vordergrund steht neben den politischen Problemen im Inland und mit den Nachbarstaaten Syrien und Israel (offiziell nicht anerkannt) das ökologische Problem des Landes. Nicht nur die Reduktion des Waldbestandes auf 12% der Bäume vor dem Bürgerkrieg, sondern vor allem die Verschmutzung der Luft durch Autos ohne Katalysator machen dem Land zu schaffen. Dadurch leidet nicht nur die Luft, sondern vor allem auch das Grundwasser und die Natur, sofern noch vorhanden. Aufgrund des hohen Verkehrs liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit von Autos unter zehn Kilometern pro Stunde, 2015 wird es nach Hochrechnungen nur noch fünf sein. Aufgrund des massiven Plastikmülls in den Straßen, in den Müllsammelstellen und Haushalten ist das gesamte System kurz vor dem Kollabieren. Es gibt zu viel Müll, keine Mülltrennung, keine vernünftige Entsorgung und überall werden einem Plastiktaschen, Plastikflaschen und Plastikverpackungen geboten. Schon jetzt muss das Leitungswasser (nicht zu verwechseln mit Trinkwasser) sehr stark verchlort werden und es gibt kaum noch Reserven. Die Stromversorgung ist ebenfalls schlecht.