Seit geraumer Zeit beschäftigt sich die Philosophie mit dem Begriff der Wahrheit. Von diesem hängt unmittelbar ab, welche unserer Aussagen über unsere Umgebung wahr sind und welche spekulativ oder falsch. Mittelbar beeinflusst es viele höheren Bereiche der praktischen Philosophie und anderer Wissenschaften.
Im Folgenden werden wir Wahrheiten kategorisieren und bestimmen und uns im Anschluss damit beschäftigen, wie der Freiheitsbegriff epistemologisch einzuordnen ist.
Wahrheitsdefinition
Die Objekte, welche sich in unserem Geiste befinden, nennen wir Begriffe. Sind sind die Folge eines Abstraktionsprozesses unserer Wahrnehmung. Mithilfe des formalen Systems der Logik können wir Gedanken formulieren; deren Gegenstand sind unsere Begriffe. Unsere Existenz definiert sich aus dem Bestehen unserer Gedanken und unserer Wahrnehmungswelt 1 .
Alle Informationen, welche aus dem unmittelbaren Abstraktionsprozess unserer Wahrnehmung resultieren sind wahr. Denn schließlich ist unsere Wahrnehmung das unmittelbare Kriterium 2 der Wahrheit. Die Aussagekraft der Wahrnehmung ist allerdings sehr beschränkt, da aus einem Momentanzustand 3 unserer Geisteswelt außer der Existenz ihrer selben und der Existenz ihrer Sprache, der Logik 4 , keine weiteren Schlüsse ziehen lassen. Schließlich ist für eine über diese Tatsachen hinausgehende Aussage immer ein Rückbezug unter Einbeziehung von Erinnerungen nötig, womit die Aussage nicht mehr notwendigerweise wahr ist.
Gedanken, die wahr sein müssen, zählen wir zum Wissen. Gedanken, welche wahr sein können und sich rechtfertigen lassen, zum Glauben. Diejenigen Gedanken, welche wahr sein können, sich aber nicht rechtfertigen lassen, zum Aberglauben.
Unser Wissen haben wir bereits oben definiert. Es handelt sich um die Gedanken 5 der Existenz unseres Geistes, unserer Sprache und der Wahrnehmungswelt.
Zu unserem Glauben zählen diejenigen Dinge, die wir selbst für wahr halten, aber nicht beweisen und rechtfertigen können. Zum Beispiel der Glaube daran, dass wir in einer Gesellschaft leben. Wir haben gute Gründe, dies anzunehmen und sollten auch daran glauben, bis ein anderer Gedanke diesem widerspricht. Ab dort zählt es zum Aberglauben. Die Zuordnung eines Gedankens zu Aberglaube oder Glaube ist gegebenenfalls relativ, da in verschiedenen Geisteskonstellationen dieselben Gedanken widersprüchlich sein können, die anderswo nicht zum Widerspruch führen. Die Annahme, dass jeder Körper zur Ruhe strebt ist im Aristotelischen Weltbild kompatibel, in der modernen Physik widerspricht er jedoch der Annahme, jeder Körper erhalte seinen Geschwindigkeit (genauer seinen Impuls).
Freizügigkeit und Freiheit
Schließlich stellt sich als Anwendungsbereich unserer bisherigen Überlegungen die Frage, wie die Begriffe der Freizügigkeit und Freiheit einzuordnen sind.
Frei etwas zu tun, also Freizügigkeit zu besitzen, bedeutet, durch seine Gedanken die Wahrnehmung zu beeinflussen. Dies ist unsere einzige Möglichkeit, die Existenz eines eigenen Aktionsspielraums festzustellen. Allerdings können wir dies im Moment nicht fehlerfrei feststellen, weshalb der Gedanke der Freizügigkeit zur Glaubenswelt gehört.
Frei von etwas zu sein, also Freiheit zu besitzen, bedeutet, unabhängig von seiner Wahrnehmungswelt Entscheidungen treffen zu können (welche dann Einfluss auf die Wahrnehmungswelt nehmen können). Dies führt zum Widerspruch mit dem Tatsache, dass wir unsere Wahrnehmung nur beeinflussen können, wenn wir sie wahrnehmen, was bedeutet, dass wir uns von ihre beeinflussen lassen. Daher müssen wir die Freiheit zum Aberglauben zählen. Dies bedeutet im Übrigen nicht, dass wir nicht glauben dürfen, dazu im Stande zu sein, unsere Wahrnehmungswelt zu beeinflussen. Dies fällt in den Bereich der Freizügigkeit 6 .
Fußnoten
1 Das Verständnis einer Aussage impliziert die Existenz einer Sprache, genauer derjenigen, in welcher die Aussage formuliert wird. Die Sprache lebt in einer Welt, welche wir als Geiste bezeichnen.
2 Unser Geistessystem verfügt über unter dem Begriffe der Logik zusammengefasste Algorithmen zur Überprüfung im Geiste befindlicher Verknüpfungen.
3 Die Instrumente des Geistes stehen uns im Moment zur Verfügung und bieten uns die Möglichkeit, Gedanken auf ihre Wahrheit zu überprüfen.
4 Würde die Logik nicht existieren, stünde uns kein Instrument zur Verfügung, Verknüpfungen zwischen Objekten des Geistes herzustellen und zu überprüfen.
5 Abgeschlossene Gedanken sind diejenigen Gedanken, zu denen sich kein Widerspruch herleiten lässt. Alle Gedanken, welche nur auf dieser Art Gedanken fußen, können wir als gleichbedeutend mit jenen ansehen, weil sie dieselbe Struktur aufweisen müssen, um weiterhin abgeschlossen zu sein. Beispiele abgeschlossener Gedanken stellen die bei der Definition der Begriffe Sprache, Geist und Gedanken gestellten Überlegungen dar.
6 Dem Autor ist bewusst, dass Freiheit und Freizügigkeit hier in ihrer klassischen Definition verwandt werden und durchaus im Sprachgebrauch anders verwendet werden.