Sitze gerade im Zug von Göttingen nach Neuirgendwasdorf. Bin mir nicht sicher, ob ich im richtigen Zugteil sitze, gibt hier keine Anzeigen und keine Schaffner. Einzig wurde Kaffee angeboten. Angebot durch Verlassen des Abteils nach weniger als einer Sekunde durch "Service-Kraft" zurückgezogen.
Fahrtziel: die Konferenz EduCamp zu den Themen Bildung mit Fokus auf Internet/Computer-Technologie.
Versuche seit längerem Wochenzeitung zu lesen doch muss immer wieder unterbrechen. Hinter mir moderiert paternalistisch ein Mittsechziger seine Ehefrau und mitreisendes Ehepaar. Nach eigenen Angaben schon "überall gewesen" -- auf Rückfrage der Mitfahrerschaft: Kanada, Amerika, Peru, ganz Afrika -- erzählt er, was alles falsch läuft und präsentiert Lösungsschablonen der Komplexität von Bierwerbung.
Derweilen lese ich Artikel von Alice Schwarzer, geht darum dass 11 von 12 Opfer beim Amoklauf weiblich waren und dies keiner zur berücksichtigen will. Gesellschaft sei daran gewöhnt, Gewalt gegen Frauen als selbstverständlich anzusehen und nicht zu hinterfragen. Tatsächlich ein spannendes Thema.
Nun gönnt sich der weltenbummelnde Rhetoriker eine geschickt hergeleitete Gesprächspause: Die Frauen seien heute ja nicht mehr so Leistungsfähig wie früher -- zeugen keine Kinder und so. Ein gefundenes Fressen für die alten Damen bankgegenüber, erzählen wieviel sie früher gearbeitet haben und sich auch einfachen Problemstellungen tapfer gewidmet haben. Stichwort Küche, Kinder und noch ein dritter Punkt.
Lesepause, geht darum wie jugendliche Gefangene erfolgreich durch Strafvollzug in geordnete Verhältnisse kommen. Die Einzelzelle ist oft ihr erstes eigenes Zimmer. Welches sie allerdings liebevoll ausgestalten, bleiben ja länger drin wohnen. Viele der Straftäter hätten sich selbst härtere Strafen verordnet. An diversen Beispielen wird deutlich, wie erfolgreich das deutsche Modell der Jugendhaft sein kann.
Unterbrechung, naiv lauschend lerne ich gerade, dass Ole von Beust seine Karriere einzig allein Ronald Schill zu verdanken hat. "Jo" kommt es mit heiser-kratziger Stimme von seinem Gegenüber. Und wenn der noch wäre, gäb's weniger Kriminalität. Ach Mensch.
In der ZEIT wird Obama's Hund prominent ignoriert. Hier nicht. Der Fokus wird auf die "Kopftuch-Geschwader" und vermeintliche Problemgruppe gelenkt. "Meine Mutter hat immer gesagt, nimm dich vor allen Farbigen in Acht." Dabei sei die Nuance der Hautfarbe gleich, gefährlich alles dunkler als straßenköterblond.
Was ich auch nicht wusste: Integration von Ausländern fängt im Kulinarischen an. So überschaubar ist das: "Ausländer gehen nicht zu Deutschen ins Restaurant. Und Ausländerintegration fängt da an!" Außerdem wisse er, wie "in Deutschland Politik gemacht wird". Soll ich mal fragen?
Schaue mir ein paar Bilder in der Zeitung an. Jetzt sächselt schon der Zugführer, hatten wohl Personalwechsel.
Wie ich im Spiegel am Ende des Abteils sehe, handelt es sich beim universalinformierten Protagonisten um einen versucht sportlich anmutenden Herren mit grauen, schmierigen Locken mittlerer Länge, Gesicht ist nicht zu sehen.
Das ist hier spannender als eine BWL-Vorlesung: China sei der Untergang Deutschlands, in den USA lebten 240 Mio. Menschen und "Indien ist ja eigentlich eine Demokratie". Das Problem der Deutschen sei, dass wir nie Kolonien hatten, daher haben wir die Ausländer nie richtig kennengelernt (und keinen zivilisierten Umgang mit ihnen erlernt?). Wie schade, heute würden auf der Berlin-Bagdad-Bahn sicherlich Schnelltriebwagen von Siemens fahren und die Barbaren würden Sauerkraut essen statt Döner.
Die Schienen am Bahnsteig alle frisch verlegt. Wurde gerade von einem mit Bild-Zeitung Luft fechernden Fahrgast gebeten, die Fenster zu öffnen, was nicht geht. Ist sehr warm hier, Heizung bedient keiner. Schade dass ich gar nichts zum Klimawandel lernen kann.
"Ich war gestern bei einer Frau" sagt einer seiner loyalen Zuhörer, "die ist auch 90 geworden" -- habe das Alter unterschätzt -- und hat auch irgendwas mit Stalingrad zu tun, war als Seminarleiterin an der polnischen Grenze. Was sind die engagiert.
Ansage löse ich auf zu nächster Halt ist Badlangensalzhaar. Mal sehen wie es weitergeht.