Zwar ändert sich an dem, was ich hier mache nicht viel, jedoch mit wem und wo. Gestern waren einige deutsche Freunde deutscher Mitbewohner zu Besuch und in den Abendstunden sind wir in einen Pub in Covent Garden gegangen, 45 Fußminuten vom Wohnheim entfernt. Nachdem die Lokalität wie erwartet um 23:00 schloss, sind wir dann in die nächste Kneipe gepilgert, welche immerhin bis 24:00 geöffnet hatte. Anschließend haben wir, unwahrscheinlich wie wahr, ein paar Mitbewohner getroffen, die auch gerade dort waren. Das Viertel ist sehr beliebt. Zwar ist es nicht so dicht wie die Reeperbahn, dafür umso stilvoller und sauberer.
Heute nachmittag habe ich mich mit dem Schreiben eines Papers über programmierorientiertes Denken beschäftigt und habe ein paar Telefonate nach Deutschland getätigt.
Was ist nun der Unterschied zwischen London und Hamburg? Also Hamburg könnte man sich wohl kaum als Drehort eines Gangster-Films vorstellen, es fehlen die Requisiten und die potenziellen Ganoven, außerdem ist nicht genug Menschenmasse da, um die Stadt in gewinnträchtige Reviere zu unterteilen -- oder wer möchte schon Pate von Sasel Nord sein? Hier hingegen gibt es Ferraris, dunkle Gassen mit Tiefgaragen und das entsprechende Personal -- wohlhabend anmutende Gestalten mit Anzügen und leichtbekleidete Mätressen. Ohne einen falschen Eindruck provozieren zu wollen: Es ist wesentlich näher an dem Idealbild einer mediterranen Stadt. Vielleicht zu vergleichen mit Friedrichshain in Berlin. Die Gewege sind in Ordnung, aber eben nicht perfekt und vor allem altmodisch. Pro Tag wird mindestens ein Wagen abgeschleppt, der nicht das defizitäre Maut-Projekt mitfinanziert hat. Die Beleuchtungen der Straßen sind nicht grellweiß, sondern gelb, die Berankungen der Balkone sind grün und ausladend statt gepflegt und bescheiden. Die Bausubstanz übrigens fast ausschließlich Anfang letzten Jahrhunderts. Fast alle sind in irgendeiner Ausprägung wohlhabend.
Übrigens ist das Imperial College jetzt im Ranking auf Platz 5 gestiegen. Weltweit. Tatsächlich sind die Vorlesungen -- bis auf einen etwas verplanten Masterkurs -- sehr gut und die Professoren extrem bemüht. Essen, Betreuungsfaktor, Instrastruktur -- alles exzellent. Das sich dann einige noch etwas darauf einbilden ist natürlich selbstverständlich und so manches mal muss ich mich fragen, warum ich in manchen Mathegrundlagen besser dastehe als so manch ein Imperial Student. Vermutlich ist nicht alles Gold was glänzt.
Übrigens ist es interessant, welche Vorurteile teilweise unter den Studierenden anderer Nationen vorherrschen. Was auch immer die Gründe dafür sein mögen, viele der ausländischen Studierenden und auch der Engländer zeigen nationalistische, imperialistische, kriegsverherrlichende, rassistische oder sogar Holocaust-relativierende Ansichten. Einer der Schweden hier ist zum Beispiel der Ansicht, man solle anstelle von Holocaust-Mahnmalen lieber Veteranen-Denkmäler für Wehrmachtsoldaten einrichten. Und natürlich "die Islamisten" aus Europa "rausschmeißen". Ein Italiener würde es vorziehen, wenn die Deutschen den Krieg gewonnen hätten und eine Amerikanerin sieht wie bereits geschrieben den zweiten Weltkrieg nur als Konsequenz des ersten und somit Deutschland als schuldfrei an. Ach ja: Und ein Südafrikaner jüdisch-europäischer Herkunft meint, dass die Schwarzen ohnehin nur "Caffa" seien und keine Menschen. Über sonstige Fragen des Lebens gibt es weitere merkwürdige Theorien, die ich jetzt aber nicht alle zitieren möchte.