Der Alltag ist nicht grau. Der Alltag ist ein farbenfrohes Wesen, welches in einem grauen Luftballon gefangen ist. Von Zeit zu Zeit lohnt es sich, es mit einer Stecknadel zu befreien und das Alltägliche zu genießen.
Das kann zum Beispiel subtiles Provozieren von Mitfahrern sein. Besonders wirksam: Im Bus die Tasche auf dem Nachbarplatz schwarzfahren lassen. Insbesondere, wenn es zur Rush Hour richtig voll ist und ich gerade noch die letzte freie Bank ergattere, den zweiten Platz kriegt meine Crumbler-Tasche.
Nicht dass ich auf Nachfrage die Tasche nicht entferne, da bin ich sehr höflich. Das ist es ja gerade, was so Spaß macht. Bei drei von vier Leuten die nachfragen merkt man im Gesichtsausdruck bereits die Empörung über die zur Steigerung meiner Bequemlichkeit stattfindende Platzverschwendung. Da bedürfte es nur einer leicht ignoranten Bemerkung um der Person die Gelegenheit zu geben, auch gleich den restlichen Alltagsfrust auf einen Schlag abzuladen. Stattdessen: "Ja, klar" - ich sehe kurz von den Max Goldt Kurzgeschichten hoch - Schreck! Aber mit meiner Designer-Tasche habe ich der dicken Oma und ihrem sabbernden Waldi den Platz doch eigentlich nur freihalten wollen, nich'? Ich deute an, auch den zweiten Platz potenziell freigeben zu können - der Weg ist da aber schon versperrt und ich bereue, dass ich mich hingesetzt habe. Zur Freude der anderen Mitfahrer. Insbesondere derjenigen, die im Bus immer nur in eine Richtung starren. Anstelle eines "arroganten pseudo-intellektuellen Schmarotzers" bin ich für die jetzt auch noch ein höflicher. Innerlich überlege ich mir schon, wie ich mein Ziel auch über die Endhaltestelle erreiche. Aber das sind 15 Stationen und ich muss übernächste raus. Diesen Triumpf gönne ich keinem hier.
Ich könnte natürlich nett bitten, doch die werte Dame ist am Telefon. Die Generation der komplett ahnungslosen in Sachen Mobilfunk trifft man wohl inzwischen nur noch in Begleitung eines Zivildienstleistenden an. Der Hund könnte weiterhelfen. Ich habe ja nichts gegen Vierbeiner, jedem das Seine, ich finde bloß Beziehungen zu Menschen ergiebiger. Außerdem ist das erträgliche Zeitfenster eines Hundelebens auch vergleichsweise kurz, zwischen "ach wie süß" und Geruch nach Eau de Toilette im wortwörtlichen Sinne liegt bei dieser Spezies nur eine sehr kurze Spanne. Menschen hingegen bringen es hier teils auf eine ganz erstaunliche Zahl an Jahren. Egal.
Ich schau jedenfalls leicht eingeengt in meiner Kunststoff-Tasche nach, ob ich da etwas finden kann, um das Wauwau außer Gefecht zu setzen. Das Wesen schaut mich auch schon mit großen Augen ahnungslos an. Intelligenz hat viel mit Erziehung zu tun, dieses Exemplar bringt es vielleicht gerade auf den Quotienten, den Laub zum Rascheln braucht. Meine menschliche Intuition verrät mir bei Betrachtung der beiden, dass Frauchen dieses Tier mit Sicherheit aus der Hand füttert. Also muss die gute Lindt-Herrenschokolade ran. An der nächsten Haltestelle ist auch schon eine Tafel verputzt. Nun ist es Zeit, die Spuren zu verwischen, ich schnipse ein Stückchen Schoki nach vorn, weg ist Waldi. Und bleibt dort auch erstmal liegen. Mit dem gewünschten Erfolg: die Oma erhebt sich und wankt hinterher. Dann lässt sie ihren Frust an ihrem Vierbeiner aus. Ich steige aus.
Manchmal bedarf es eben nur einiger kleiner Taten, um ein bisschen Farbe in den Alltag zu bringen.