Ich öffnete die beiden Klapptüren und ließ die älteren Bewohner des Heimes mit ihren Rollstühlen passieren. Sie lächelten mir freundlich zu. In ihrem Blick eine Mischung aus Freude und mit Medikamenten bekämpften Schmerz, der sie bis zum Ende auf ihrem letzten Weg begleiten würde. Die Angestellten des Hauses teils emsig, bemüht, teils faul und zurückhaltend, meist verzweifelt, selbst schon in einem hypnotischen Zustand des verklärten Lächelns. Die Leitung war nicht anwesend, somit musste die Ansprache ausfallen. Die ohnehin bedrückende Atmosphäre sollte noch durch das Wegfallen der Musikanlagen verstärkt werden. Wenigstens war die Küche nicht ausgefallen und floss Freude bringender Wein durch die künstlichen Gebisse und es wurde auf Weißbrot herumgekaut. Die Gesprächthemen mehr oder minder düster oder unwichtig, sofern noch gesprochen wurde. Die meisten wimmerten ohnehin nur vor sich hin, wie ein gemästetes Schwein, welches auf seine Schlachtung wartet, lebensmüde und gefühlstaub.
Der Saal, in den die Türen führen, ist wie eine Leichenhalle, große Tische, dunkle Stühle, blutrote Tischdecken, hohles, schrilles Gelächter geht durch den Raum. Es schreien Alte, hastige Schritte kommen den Schmerz zu dämpfen und die Ruhestörung zu beseitigen. Eine jüngere Angestellte, ein unverbrauchtes, schönes Gesicht, nimmt mich bei der Hand und bedeutet mir, ihr zu folgen. Wir gehen zu einer langen Rolltreppe, eine graue Treppe mit großen Stufen. Sie führt etwa zehn Meter hinunter zu einer grauen Betonwand. Links davon eine Rolltreppe in Gegenrichtung, konventionelle Treppen existieren nicht. Der Raum, in den die Treppe führt ist klanglos, ruhig und kühl. Sie schaut mich kühl an und sagt: „Diese Veranstaltung nennen wir Persekution, ich gehe jedes Mal hierher.“ Acht in der Zahl sollten es gewesen sein, mit denen sie sich hier getroffen hatte. Sie lacht, zunächst verstehe ich sie nicht, doch als ich lächle wird ihr Gesicht steinern, hart. Eine plötzliche Abneigung ist zu spüren. Sie zeigt auf eine Tür, welche sich rechts neben der Rolltreppe befindet, von oben nicht zu sehen, in diesem Teil des Hauses gibt es keine Lichtquellen. Hinter der Tür ein mit Kerzenleuchten an der Wand beleuchteter Gang mit Einbuchtungen in die ich gehe, sie vorbeizulassen. Ausgeschmückt mit rotem, beflecktem Vlies, wahrscheinlich eine ehemalige Wohnung, doch wie sich an der Feuchtigkeit spüren lässt unbewohnt. Ich drehe mich um und sehe sie an der Tür stehen, überlegen lächelnd, sie schließt die Tür. Es zucken Kugeln in meinen Körper, stechende Schmerzen stellen sich ein, Schüsse, ohne Widerhall, ich sinke zu Boden, sehe noch die rote Tapete, mir wird schwarz vor Augen.
Eine alte Frau rollte in ihrem Stuhl durch die beiden Klapptüren, gestellt freundlich lächelnd. Sie bat leise darum, in eine Ecke gefahren zu werden. Man platzierte sie in ungefährer Nähe ihres gewünschten Ziels, mit Blick zu den Rolltreppen. Ein Kellner kam und brachte ihr eine fade Suppe, fragte, ob sie noch etwas bekomme, sie verneinte. Sie drehte sich um und krähte zu den anderen Senioren: „Früher nannten wir das Persekution“. Ein paar Alte starrten sie erstaunt an, doch die meisten schauten in die Ferne. Von den weiteren Reaktionen nahm sie keine mehr wahr.