Parent segment: Arts
+20updown
2004-10-03 19:23:00

In dem nahe gelegenen Dorf hatte man mich schon gewarnt, doch ich war nicht auf die Warnungen eingegangen, erschienen sie doch so absurd und übertrieben, dass ich sie als Fremder schlichtweg ignorierte. Wer kennt sie nicht: Dörfler, die den ganzen Tag mit Gerede und Spinnerei verbringen, weil bei ihnen nichts passiert. Mit solchen Personen hatte ich schon Erfahrung gemacht. Deshalb machte ich mich auf den Weg in das Waldgebiet, welches ich auf dem Weg zu einem Bekannten im weit entfernten Nachbardorf durchschreiten musste. Die Sonne würde wohl noch etwa eine Stunde scheinen, was meine Eile etwas vergrößerte. Und was solle schon gefährlich sein an einem Waldgebiet mit befestigten Wanderwegen? Also tauchte ich in die faszinierende, düstere Welt des Fichtenwaldes ein und ging meinen Weg.

Nach Durchschreiten einer Lichtung und anschließenden Durchqueren eines kargen Kiefernwaldgebietes entschloss ich mich, kurz zu rasten.

Auf einem Baumstumpf gesetzt, um meiner Kühlflasche einen Schluck Wasser zu entnehmen und anschließend ein paar Weintrauben meines Nachbars zu verzehren, guckte ich mich in der schlecht einsehbaren Waldlandschaft um. Ich genoss die sagenhafte Natur, den Duft des Kiefernholzes, die bizarr umgebrochenen Bäume, die mit zartem Moos bewachsenen Stämme der rar gesäten Laubbäume und die sich fantastisch in das Waldgebiet einpassenden Büsche und kleinen Blumen, welche hier aufgrund der hohen, dichten Gipfel der Birken und Eichen kaum Licht ergatterten und daher keinerlei Blüten zeigten. Doch auch das satte Grün, teils schieferfarbig, teils smaragdgrün, mitunter fast gelbgrünfrisch oder schon verdorrt dunkelgrün beeindruckte mich. In dieser Idylle überraschte mich nach der Hälfte meiner Mahlzeit ein unwirkliches Detail in etwa siebzig Schritt Entfernung und wollte nicht aus meinen Augen weichen. Dort hatten sich Stämme so unnatürlich zu einer Art Wall formiert und waren so einzigartig gewachsen, dass sie einem jeden Vorbeispazierenden auffallen mussten. Die vielen Büsche waren vermutlich der Grund, warum sich bisher keiner an diesem Detail gestoßen hatte und die Fußspuren auf dem Weg vor mir keinerlei Wartepausen anderer Zeitgenossen postulierten. Jedenfalls erschien mir diese kleine unnatürliche Ansammlung natürlicher Vorkommnisse so faszinierend, dass ich trotz meiner Eile die Nahrungsutensilien und meine Wasserflasche vor Ort ließ und mir einen kleinen Weg durch das Gestrüpp, teils Fußtief in den Morast einsinkend, bahnte. Der Wald wurde hier ruhiger, es herrschte fast Totenstille, nur ein paar Waldvögel zeugten von natürlichem Leben. In weniger als einem Dutzend Schritte Distanz zur Zielstelle zeigte sich, dass meine ursprüngliche Wahrnehmung mich getäuscht hatte und die Anordnung der Baumstämme tatsächlich menschlichen Ursprungs seien musste. Und auch zwei eisenfarbige Rohre, welche hinter dem Wall hüfthoch in die Waldluft ragten, bestätigten diese Annahme. Hinter den Wall gelangt zeigte sich eine kleine Hütte, etwa anderthalb Meter hoch, und so eng, dass vier kleinwüchsige Menschen dort gerade Platz finden würden. Der Boden war mit abgenagten Knochen und Tierfellresten bedeckt, welche in Fetzen verstreut auf dem Waldgrund lagen. Nun erklärten sich mir auch die Chromrohre, welche in einem Holzgestell mündeten, an dem zwei große, fest montierte und zwei kleine bewegliche Rollen befestigt waren, über denen ein Brett so montiert war, dass es sich dabei vermutlich um einen fahrbaren Untersatz hielt. Neben diesem Gefährt lag ein ausgehöhlter Büffelkopf mit Rückenfell und Vorderbeinen. An der Spitze des kräftigen, schwarzen Beinfelles war ein sauberer Schnitt und an einer kleinen Verbindung hingen die Vorderpfoten des ehemals gewaltigen Tieres. Zwischen den Zähen war noch der Schlamm und Dreck der Wiesen und Täler auszumachen, in dem die Büffelherden in der hiesigen Region weilten. Von diesem Büffelrest war auch eine ähnlich aussehende, Ekel erregende, augenlose Kopie zu sehen, welche ihren Ursprung in einem weit kleineren Tier hatte und keine Vorderfüße besaß. Als ich mich umdrehte bemerkte ich einen kleinen Berg von Ameisen, mit Fliegen übersät und einen nun aufgrund des gedrehten Windes bemerkbar unangenehm riechenden Haufen, welcher in den wenigen Strahlen, welche hier die Walddecke durchdrangen glitzerte und glänzte. Bei näherer Draufsicht entpuppte es sich als ein Berg von Tiergedärmen, welche vermutlich aus verzehrten Tieren stammten und nicht mitgegessen wurden. Denn es war klar, dass hier jemand hauste und bei diesem Gedanken kam mir wieder die Warnung der Dorfeinwohner in den Sinn. Sie hatten behauptet, im Wald würden sich Ungeheuer befinden, welche sich des Nachts Tiere und manchmal auch Menschen aus dem Dorf holen würden. Doch waren alle Unternehmungen, das unbekannte Wesen zu finden erfolglos gewesen: zum Nachbardorf wären es viele Kilometer und den Weg dorthin hätten sie bereits abgesucht.

Also machte ich mich auf die Suche nach Anhaltspunkten, welche der Einwohner Erzählung bestätigten, auch wenn mir diese absurd erschien. Ich suchte nach Fußspuren, es waren keine zu finden, oder zumindest entdeckte ich im mit Überresten tierischen Lebens und Baumresten verdreckten Boden keine Abdrücke oder Fußspuren. Auch von dem fahrbaren Untersatz gingen keine Spuren aus und es war nicht auszumachen, wo die Person, die sich hier aufgehalten hatte, fort gegangen oder gefahren war. Also durchsuchte ich die kleine Kammer, in der sich außer einem kleinen Kästchen jedoch weiter nichts befand. Das Kästchen selbst ließ sich nur schwer öffnen und nachdem die Öffnung vollzogen war starrte mich gähnende Leere an. Ich wollte den kleinen Kasten schon schließen und zu meinem Ursprungsort zurückkehren, da bemerkte ich, dass in dem Kasten noch ein kleiner Boden war, der die Sicht auf darunter liegende Objekte verwährte. Mit einem kleinen Messer öffnete ich den Boden und sah dort zwei Augen. Angewidert schloss ich den Kasten und warf ihn auf den Waldgrund. Da es zunehmend düster wurde, entschloss ich mich zur Fortsetzung meiner Reise. Nach holpriger Durchquerung des Morastes gelang ich zum Weg zurück und setze mich auf den Baumstumpf, auf dem ich vorhin meine Mahlzeit unterbrochen hatte. Sowohl mein Essen als auch meine Getränke waren nicht mehr aufzufinden. Sie waren spurlos verschwunden. Der Gedanke an eine Begegnung mit dem Wesen zwang mich schließlich, ohne mein Hab und Gut weiterzugehen. Unterwegs durch die Serpentinen und Hügel der nun felsigen Landschaft fühlte ich mich verfolgt und beeilte mich zusehends. Inzwischen war es nur ein schwacher Mondschein, der ab und zu hinter den Wolken hervortrat und mir den Weg bahnte. Die Sonne hatte diese Erdregion bereits verlassen. So manches Mal hatte ich das Gefühl, als wenn jemand kurz vor mir im Wald verschwand oder zwei Büffelaugen mich anstarrten. Doch war es damals vermutlich eher Einbildung denn Wahrheit.

Als ich bei meinem Bekannten ankam, war es schon spät. Die Uhr schlug soeben elf, als ich an seiner Tür stand und um Einlass bat. Da er um meinen bei Durchreise meist erschöpften Zustand wusste, brachte er mich gleich auf meinem Zimmer. Ich kannte ihn seit meiner Schulzeit. Damals, noch im selben Wohnblock wohnend, hatten wir viel zusammen gespielt und unsere Zeit vertrieben. Doch er wurde blind und musste auf eine Sonderschule. Bei einem zufälligen Treffen vor wenigen Jahren lebte unsere Freundschaft wieder auf und ich besuchte ihn ab und zu, wenn ich in dieser Gegend war.

Als ich mir das Bett zurechtgemacht hatte und mir das Gesicht gewaschen hatte, sah ich, dass er in der Tür stehen geblieben war. Erst jetzt fiel mir auf, dass er erstaunlich große, krankhaft geschwollene, unmenschlich wirkende Augen hatte, Büffelsaugen.